Social Media: KI wird zum Influencer

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Wer heutzutage auf Social Media unterwegs ist, kann sich nicht einmal mehr sicher sein, wie real der Influencer ist, dem man gerade folgt. Dieser bewirbt Produkte, zeigt Bilder aus seinem echten Leben. Doch nun übernimmt eine Werbeagentur in Spanien ein neues Konzept: Sie entwickelten eine KI, die als Influencerin fungiert. Doch wie gut lässt sich eine solche Idee durchsetzen?

KI ist voll im Trend

Per KI kreierte Bilder erobern seit einiger Zeit das Internet. Daneben werden auch immer mehr Texte mit verschiedenen KI-Diensten erstellt. Dieses Vorgehen liegt aktuell voll im Trend. Genau das machte sich nun die Werbeagentur „The Clueless“ zunutze und erstellte mittels der KI eine Influencerin, die nicht nur über eine volle Hintergrundgeschichte verfügt, sondern auch Werbung im Internet machen kann.

Sie ist 25 Jahre alt, trägt pinkfarbene Haare, hat das Sternzeichen Skorpion und besitzt den Namen Aitana Lopez. Sie treibt leidenschaftlich gerne Sport und füllt ihren Instagram-Account tagtäglich mit Erlebnissen aus ihrem fiktiven Leben. Sie zeigt Fotos von Work-outs, gesunden Mahlzeiten und gibt Tipps, wie man fit bleiben kann.

Das Konzept scheint aufzugehen: Bislang hat die künstliche Influencerin mehr als 200.000 Follower und es werden stetig mehr.

 

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Wie ist Aitana entstanden?

Auf die Idee kam die Werbeagentur zu Zeiten der Corona-Pandemie. Damals hatte das Unternehmen Schwierigkeiten, weil kaum Models gebucht wurden oder diese ihre Termine aufgrund von Krankheit verschieben mussten. Auf diesem Weg musste sich der Entwickler Robén Cruz (27) eine Alternative einfallen lassen. Denn trotz der Umstände musste er selbstverständlich weiterhin seine Ausgaben finanzieren.

Inzwischen verbucht das KI-Model im Monat etwa 10.000 Euro und legt somit den Grundstein für weitere Zukunftsideen.

Wie authentisch ist ein KI-Influencer?

Eine Frage, die sich wahrscheinlich jeder stellt ist: Wie glaubhaft und einflussreich ist ein Influencer, der lediglich auf einer technischen Programmierung basiert? Denn genau das macht viele Influencer aus. Sie beeinflussen das Leben ihrer Follower, wecken ihr Vertrauen und bilden sich eine eigene Meinung, die sie an ihre Zuschauerschaft weitergeben. Eine KI hingegen hat weder einen freien Willen noch ist es fraglich, wie hoch der Wahrheitsgehalt ihrer Aussagen ist.

Trotz all dieser Umstände sind sich Experten einig, dass die Zukunft der KI gehört und sich dieses Feld binnen der nächsten Jahre stark weiterentwickeln wird. Entscheidend hierbei sei, dass die kreierte Figur eine glaubhafte Persönlichkeit darstellt. Damit ist sie im Grunde nichts anderes als der altbekannte Meister Proper. Dieser vermittelt Zuschauern über Werbespots, dass ein Waschmittel besonders sauber wäscht. Das Geschäft geht auf.

Influencer müssen Passion besitzen

Passion ist ein Stichwort, mit dem sich die Entwickler aktuell noch beschäftigen. Denn ihr Influencer muss genau diese vertreten. Dies glaubt auch Prof. Dr. Andreas U. Lanz von der Universität Basel, der sich mit dem Thema näher auseinandersetzte. Denn nur wenn eine gewisse Glaubwürdigkeit besteht, lassen sich auch gezielt Produkte authentisch vermarkten. Heutzutage sei es schwierig, zum einflussreichen Influencer zu werden, wenn man lediglich ein paar Bilder postet. Es müsse das gewisse Etwas dahinterstecken, was Zuschauer anlockt und überzeugt.

Allerdings ist der Unterschied zwischen KI und realem Influencer noch immer zu spüren: Content-Creator besitzen die Fähigkeit, menschlich mit einer Situation umzugehen und sprechen vor allem eine Weiterempfehlung des Produkts aus. Sie empfehlen es, weil es zu ihnen passt. Dies vermittelt die erwähnte Glaubwürdigkeit, was somit Einfluss auf den Erfolg hat.

Die KI besitzt Perfektion

Eines, was allerdings kaum ein realer Mensch erreicht, ist Perfektion. Sie ist mit ein Grund dafür, warum innerhalb des Social Networks binnen der letzten Jahre immer mehr Kontroversen entstanden. Ein Mensch ist nicht perfekt. Genauso wenig ist es ein Influencer. Sei es der neue Pickel auf der Stirn, die leichten Ringe unter den Augen oder das bisschen Babyspeck, das sich auf der Hüfte sammelt.

Derlei „Makel“ entwickelten sich infolge des Social Media Booms zu einer Angelegenheit, die bei vielen Influencern und Influencerinnen (als auch bei ihren Followern) für Unsicherheiten sorgten. Weil sie genau wissen, dass so sehr sie es versuchen, sie diese „Makel“ nicht loswerden können.

Eine KI dagegen ist perfekt und entspricht dem heutigen gesellschaftlichen Weltbild. Ob dies wünschenswert ist oder nicht, sei mal dahingestellt. Follower streben nach gewissen Idealen, die sie bei der KI finden und sie somit bewundern können. Dementsprechend lassen sie sich auch leichter beeinflussen. Dazu kommt, dass Influencer lediglich einen kleinen Teil aus ihrem privaten Leben zeigen. Die KI hingegen ist dazu in der Lage, sich ein Leben zurecht zu träumen, das sich viele andere nur wünschen können. Gleichzeitig sind die Follower jedoch in der Lage, ein Teil davon zu sein, ohne dass hierbei negative Konsequenzen für den Influencer entstehen.

In diesem Punkt treten bereits Medienpsychologen auf den Plan. Daniel Süss, der als Professor auf der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaft (ZHAW) arbeitet, übt eine gewisse Kritik an dem künstlichen Influencer. Derlei Ideen müssten klar deklariert sein, da sie für den realen Menschen eine gewisse Gefahr darstellen und sie die Authentizität nicht mehr einschätzen können. Innerhalb der USA würden sicherlich bald solche Richtlinien erstellt, woraufhin andere Länder bestimmt nachziehen.

KI soll eher ein Maskottchen sein

Alexander Bürgin, der Mitinhaber der Marketing-Agentur spricht sich aktuell noch stark dafür aus, dass es durchaus wichtig sei, KI-Influencer nicht als reale Menschen anzusehen. Sie stellen eher ein Maskottchen dar und sollten auch entsprechend behandelt werden.

Ein weiterer Faktor, der bei alldem nämlich eine Rolle spielt, ist das Bild, welches ein Unternehmen oder eine Marke mittels der KI abgibt. Mit der Zeit entwickelt die KI eine gewisse Dynamik, die an Realitätsverlust grenzt und das Unternehmen somit an Glaubwürdigkeit verliert.

Die künstlichen Influencer verfügen zwar über Perfektion und vielleicht auch über die gewünschte Passion, doch der Realismus bleibt bei den meisten Versuchen auf der Strecke. Bemerken Follower nach einer gewissen Zeit, dass die Influencer ausschließlich in einem Wunschtraum leben, werden sie für die meisten uninteressant. Somit wenden sie sich von ihm ab.

Wenn sich das Konzept der KI-Influencer dennoch durchsetzt, sollte man sie laut Bürgin vor allem professionalisieren.

Letzten Endes bleibt Aitana Lopez ein interessantes Projekt, dessen Fähigkeiten noch nahezu unerforscht sind. Ob es sich allerdings in Zukunft auch durchsetzt und die Strategien der Entwickler aufgehen, bleibt an dieser Stelle ungewiss.

Quellen: Aitana Lopez, Instagram, Argovia Today

Maria Lengemann http://www.maria-lengemann.de

Maria Lengemann ist 37, Gamerin aus Leidenschaft, Thriller-Autorin und Serienjunkie. Sie ist seit 14 Jahren selbstständig und journalistisch auf den Hardware- und Gaming-Bereich spezialisiert.

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